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Viele Leser der "Ibbenbürener Volkszeitung" staunten nicht schlecht, als Sie am Morgen des 7. Juni 2004, die Recker Lokalseite ihrer Tageszeitung aufschlugen. Von einem Tornado war dort die Rede, der angeblich nur knapp östlich von Recke mit gewaltiger Kraft über das Land hinweggewirbelt war und wie durch ein Wunder Menschen und Gebäude verschont hatte. Tornados im nördlichen Münsterland? Die gibt es doch nur in den USA!

Was viele Menschen hierzulande nicht wissen: Allein im Jahre 2006 wurden im gesamten deutschen Bundesgebiet 108 Tornadofälle eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen. Die Zahl der zusätzlichen, noch zu untersuchenden Verdachtsfälle ist mit 156 sogar noch höher. Geht man zeitlich weiter zurück, werden die Statistiken zwar deutlich lückenhafter und ungenauer, weisen für die Jahre 1950 bis 2004 aber insgesamt noch immer über 470 zweifelsfrei registrierte Tornadoereignisse aus. Einige davon (z.B. in Pforzheim im Juli 1968) erreichten Intensitäten, die nordamerikanischen Exemplaren in absolut nichts nachstehen und für fast unvorstellbare Schäden sorgten. Statistisch gesehen müssen wir nach älteren Angaben in Deutschland also im Schnitt mit mindestens etwa acht bis neun, nach neuesten Zahlen der letzten Jahre aber sogar mit bis zu 100 Tornados pro Jahr rechnen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen die wirklichen Zahlen aber wohl nochmals darüber, da speziell in sehr dünn besiedelten Gebieten kleinräumig auftretende Tornadoereignisse nicht immer registriert werden und Beobachtungen heute wesentlich engmaschiger und sorgfältiger erfolgen als dies beispielsweise noch in den ersten Jahrzehnten nach 1950 der Fall war.

Erste Adresse zum Thema "Tornados in Deutschland" ist das wissenschaftliche Netzwerk "TorDACH" (www.tordach.org), welches sich in Zusammenarbeit mit zahlreichen, international angesehenen Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen der lückenlosen und objektiven Registrierung von Tornadoereignissen in Deutschland, Österreich und der Schweiz widmet. Sämtliche seit 1950 in Deutschland bekannt gewordene Tornadobeobachtungen wurden akribisch analysiert und archiviert. Das Ergebnis zeigt die "Abbildung 1" (Quelle: www.tordach.org), in der alle Tornadofälle mit exakt bekanntem Ort als einzelne Punkte dargestellt sind. Die unterschiedliche Farbgebung der Punkte gibt dabei an, ob es sich um einen klassischen Tornado (rot), eine auf´s Land ziehende Wasserhose (grün), einen sogenannten Downburst (sehr starke Gewitterfallböen) (cyan) oder eine Kleintrombe (blau) gehandelt hat.

Abbildung1

Abbildung2

Abbildung3

Abbildung 1

Abbildung 2

Abbildung 3

Die "Abbildung 2" (Quelle: www.tordach.org) dagegen zeigt die Beobachtungshäufigkeit von Tornados in den einzelnen Regionen innerhalb Deutschlands pro Jahr. Hierbei wurden auch Fälle berücksichtigt, in denen nur die Region des Tornadoereignisses bekannt ist (insgesamt 471, Stand 2004). Dazu wurde auf einem 0.50° × 1.00° Breite-Länge-Gitter die Tornadodichte pro Jahr pro 10.000 Quadratkilometer von 1950 bis heute berechnet. Die Zahlen sind auf eine Nachkommastelle gerundet, d.h. die Zahl 0.0 bedeutet bis 0.05 Meldungen pro Jahr pro 10.000 km², die Zahl 0.1 bedeutet 0.05 bis 0.15 Meldungen pro Jahr pro 10.000 km², usw..

12.08.2006 (2)02Schaut man sich die beiden Karten genauer an, fällt schnell eine besondere Häufung von Tornadofällen im Nordwesten Deutschlands auf. Mit durchschnittlich 0,9 Tornadosichtungen pro Jahr erreicht die Region östlich von Osnabrück, etwa zwischen Dümmer, Steinhuder Meer und Bielefeld sogar den absoluten Spitzenplatz im gesamten Bundesgebiet. Nur wenige Kilometer westlich dieses Planquadrates beginnt bereits der Kreis Steinfurt. Auffällig ist weiterhin, dass der Bereich der größten Tornadohäufigkeit ziemlich genau in das Gebiet enlang der Höhenzüge des Wiehen- und Wesergebirges einerseits und des Teutoburger Waldes andererseits fällt, die hier in Nordwest-Südost-Richtung verlaufen und eine Art Korridor bilden (siehe "Abbildung 3", Quelle: www.tordach.org). Möglicherweise wirkt sich dies beeinflussend auf die Bildung und Zugrichtung der Tornados aus. Eventuell ist die Ursache in der gehäuften Tornadobeobachtung in dieser Region aber auch lediglich in der erhöhten Bevölkerungsdichte bzw. der Dichte sogenannter “Stormchaser” im Raum Osnabrück zu suchen. Um hier weitere wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen, ist die möglichst detailierte Erfassung und Reanalyse der zukünftigen Tornadoereignisse, besonders in unserer Region, von großer Bedeutung. Auch diese Internetseite soll dazu einen ganz kleinen, bescheidenen Beitrag leisten. (Foto:  Riesige, rotierende Mesozyklone (Tornado-Vorstufe) am 12.08.2006 über dem Raum Recke/Steinbeck. Ein Klick ins Bild öffnet das zugehörige Zeitraffer-Video)

Blickt man auf die vergangenen knapp 12 Jahre zurück (Stand: 2007), stößt man vor allem bei uns im Kreis Steinfurt und im benachbarten Osnabrücker Land auf eine ganze Reihe teils intensiver Tornadoereignisse. Am 23. August 1995 verursachte ein Tornado knapp südöstlich von Hopsten auf den Höfen "Loose" und "Stegemann" an der Recker Straße erhebliche Schäden. Neben mehreren entwurzelten Bäumen wurden die Dächer der Höfe schwer beschädigt, selbst massivste Dachsparren verbogen und zerbrochen und ganze Berge von Ziegeln vom Dach geschleudert. Nur fünf Jahre zuvoFunnel100505klein02r hatte eine Trombe am zweiten Weihnachtstag bereits schon einmal den Hof der Familie Loose erheblich beschädigt. Auch in Schale, nördlich von Hopsten, entstanden an jenem 23. August, vermutlich durch denselben Tornado, große Schäden durch mindestens 25 entwurzelte und abgebrochene Eichen und Pappeln von teils über einem Meter Durchmesser, die beispielsweise auf dem Hof Mersch Gebäude unter sich begruben. Nur drei Jahre später, am 9. September 1998, schlug ein weiterer Tornado eine Schneise der Zerstörung durch Ibbenbüren, Ledde und Tecklenburg. Eine unüberschaubar große Anzahl von Bäumen wurde umgerissen, ganze Straßenzüge und Grundstücke sahen aus wie nach Bombenangriffen und man erblickte Bilder, wie sie sonst nur aus den Tornadogebieten der USA bekannt sind. Besonders stark war damals Ledde betroffen: Drei Wohnhäuser mit Wirtschaftsgebäuden wurden zerstört, Dächer, Türen und Fenster wurden weggerissen, 25 umgestürzte Bäume blockierten allein den "Oberbauer" bei Nebenerwerbslandwirt Friedhelm Mittelberg, dessen gesamtes Hausdach völlig demoliert wurde. Mittelbergs 350 Jahre alte Eiche wurde umgerissen, als sei sie Spielzeug. Ein Dutzend Haushalte in der Nachbarschaft war stundenlang ohne Strom, da die Oberleitungen an mehreren Stellen zerrissen waren. Beeindruckende Kraftdemonstration des Ibbenbürener Tornados: Ein doppelachsiger, 1,5 Tonnen schwerer Wohnwagen mit einem Aufbau von 6,30 Metern flog von der Ledder Dorfstraße aus über 300 Meter durch die Luft. Sein Besitzer fand Einzelteile des Gefährts noch in einem Kilometer Entfernung! (Foto: Rotierender Wolkenrüssel ohne Bodenkontakt am 10.05.2005 nördlich von Schlickelde. Ein Klick ins Bild öffnet das zugehörige Video)    

Vier Jahre lang herrschte nachfolgend Ruhe im Kreis Steinfurt, bevor am 23. Februar 2002 erneut ein kräftiger Tornado zuschlug. Dieses Mal in Hörstel-Riesenbeck, wo entlang einer Zerstörungsschneise von 1,5 Kilometern Länge von einzelnen abgewehten Dachziegeln bis hin zu komplett abgedeckten Dächern fast alle Schäden vertreten waren. Gartenhäuschen fanden sich ein paar Häuser weiter im Garten des Nachbarn wieder, der komplette Dachstuhl eines Hauses wurde am Stück um mehrere Zentimeter angehoben und die Dachpfannen eines vollständig abgedeckten Hauses an der Dorfbrücke wurden bis auf die andere Uferseite des Dortmund-Ems-Kanals geweht. Insgesamt wurden bis zu 150 Häuser beschädigt. Am 4. Juni 2004, gerade einmal etwas mehr als zwei Jahre später: Der Tornado von Recke, der nur etwa drei Kilometer nördlich der Wetterstation Mettingen-Schlickelde vier ausgewachsene Eichen entwurzelte und wie durch ein Wunder angrenzende Gebäude verschonte.


Recke-Tornado

Recke-Tornado (2)

Die Reste des Tornados von Recke im späten Auflösungsstadium

Schaut man zusätzlich über die Grenzen des Steinfurter Landkreises hinaus in das nähere Umland, erweitert sich die Tornadoliste der letzten Jahre um sage und schreibe weitere mindestens 14 Fälle (Stand 2006) aus den Städten bzw. Gemeinden Bissendorf, Belm, Bad Laer-Remsede, Hagen am TW, Bünde, Burlage, Stadtlohn bei Ahaus, Bohmte, Melle-Gerden, Melle-Riemsloh, Buer, Germen (Landkreis Borken), GüterslohFujita-Skala und Stuhr. Besonders der Tornado von Bissendorf, etwa 9 Kilometer südöstlich von Osnabrück, sorgte am 29. Juni 1997 in den gottlob nur dünn besiedelten Waldgebieten der Umgebung auf einer etwa 10 Kilometer langen Zerstörungsschneise für Schadensbilder, die jederzeit US-amerikanischen Vergleichen standhalten können. Dieser wohl gewaltigste Tornado der letzten Jahre in unserer Region (zeitweise waren es sogar zwei Wirbel gleichzeitig) wurde später in der siebenteiligen (F0 bis F6), sogenannten "Fujita-Skala" (rechts, zum Vergrößern anklicken) mit einer Intensität von F2 bis F3 eingestuft. Tornados dieser Stärke sind bereits in der Lage, mittelschwere bis schwere Kraftfahrzeuge in die Luft zu heben und umzuwerfen.

Sie wird leider noch immer weit unterschätzt, die Tornadogefahr in Deutschland. Erst in den letzten Jahren tauchten in den TV-Wettervorhersagen erstmals ganz konkrete Warnungen vor diesen unberechenbaren Wirbelstürmen auf, die sich dann im Nachhinein tatsächlich auch mehrfach bestätigten. Mettingen blieb bis heute gottlob verschont. Doch wie lange noch?

Anmerkung des Autors: Als Informations- und Datenquellen für diesen Artikel dienten die Internetseiten des "TorDACH"-Netzwerkes, die hervorragende und sehr detailierte Tornadoliste des Meteorologen Thomas Sävert, die ebenfalls sehr informative Webseite von "Skywarn" sowie das Archiv der "Ibbenbürener Volkszeitung".


Tornadoliste Großraum Mettingen

Einordnung DeutschlandIn der nachfolgenden Statistik wurden nur eindeutig nachgewiesene Tornado-Fälle berücksichtigt, die innerhalb eines Umkreises von 30 Kilometern (siehe rechts) um die Gemeinde Mettingen registriert wurden. Durch Anklicken des entsprechenden Falles im Untermenü links erhalten Sie, soweit vorhanden, weitere Detailinformationen zu dem entsprechenden Tornado. In der Übersichtskarte wurde jeder einzelne Fall durch einen roten Punkt mit anliegendem Datum der Beobachtung dargestellt. Liegt eine längere Schadensschneise vor, die sich in manchen Fällen über viele Kilometer erstrecken kann, so markiert der Punkt grob den Bereich, in dem die größten oder verbreitetsten Schäden beobachtet wurden. Fälle, bei denen am Erdboden aufgetretene Schäden nicht mit endgültiger Sicherheit dem möglichen Tornado zugeordnet werden konnten, sind in orangener Farbe dargestellt. Hierbei könnte es sich also evtl. auch um eine Blindtrombe gehandelt haben. Als Quelle für diese Statistik dienten die Tornadoliste des Meteorologen Thomas Sävert (www.tornadoliste.de), die Internetseiten von "Skywarn Deutschland" (www.skywarn.de), diverse Medien, wie z.B. die "Ibbenbürener Volkszeitung", sowie eigene Recherchen.


                                                                                                                                                                         

Datum

Ort (Landkreis)

Stärke

23.08.1995

Hopsten (Steinfurt)

F1

29.06.1997

Bissendorf (Osnabrück)

F2

09.09.1998

Ibbenbüren (Steinfurt)

F2

18.09.2000

Achmer (Osnabrück)

F1

06.08.2001

Belm (Osnabrück)

F2

01.10.2001

Remsede (Osnabrück)

F1

08.11.2001

Hagen (Osnabrück)

F1

23.02.2002

Riesenbeck (Steinfurt)

F2

04.06.2003

Messingen (Emsland)

F1

04.06.2004

Recke (Steinfurt)

F1

03.06.2005

Tütingen (Osnabrück)

F2

25.06.2006

Riesenbeck (Steinfurt)

unbek.

Tornadokarte 1995-2004

Tornadokarte 2005-2009


Ihre Mithilfe ist wichtig!

Falls Sie selbst oder jemand aus Ihrer Bekanntschaft Augenzeuge eines Tornados bzw. einer "Windhose" geworden sind, falls Ihnen Schäden an Gebäuden oder Vegetation aufgefallen sind, die auf ein derartiges Ereignis hinweisen könnten oder wenn Sie vielleicht von einem verdächtigen Fall gehört oder gelesen haben, so melden Sie sich bitte bei uns. Auch Ereignisse, die bereits Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen, können heute noch sehr wertvolle Erkenntnisse liefern. Jeder einzelne Hinweis kann wichtig sein und zur weiteren Erforschung von Tornados im Großraum Mettingen entscheidend beitragen.                                                                12.08.2006 (1)02

Noch ein Tipp: Wie es eigene Erfahrungen der vergangenen Jahre in vielen Fällen gezeigt haben, ist es sehr sinnvoll jederzeit eine Foto- oder noch besser Videokamera in kürzester Zeit einsatzbereit zur Hand zu haben. Bei Amateurvideos sind besonders feste Stativ-Einstellungen geeignet, die später zur Analyse möglicher Rotation sehr gut ohne Bildunruhe in doppelter Geschwindigkeit abgespielt werden können. Tornados oder Blindtromben sind oftmals nur für einige Sekunden deutlich sichtbar. Wer in einem, fast immer völlig überraschenden, Beobachtungsfall dann noch lange nach einer Kamera suchen muss, hat keine Chance mehr. (Foto: Rotierender Wolkenrüssel am 12.08.2006 nordwestlich von Schlickelde. Ein Klick ins Bild öffnet das zugehörige Video) 

Bleiben Sie also wachsam!


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